Friedensbündnis Karlsruhe
22.5.2010
Bericht:

Friedens-Fahrrad-Tour vom 8.5.2010

"Europa abrüsten" - unter dieser Forderung stand die Friedens-Fahrradtour, die das Friedensbündnis im Rahmen der Europa-Woche der Stadt Karlsruhe durchführte. Die Tour fand am 8. Mai 2010 statt, dem 65. Jahrestag der Befreiung Deutschlands und Europas von Krieg und Faschismus.


alle Fotos von Istvar Buscher

Die Friedens-Fahrradtour führte auch diesmal wieder - wie schon 2006 und 2008 - über ca. 15 km durch das Karlsruher Stadtgebiet und machte an verschiedenen Stätten Halt, die in Zusammenhang mit Krieg, Gewalt und Unrecht stehen, die Europa erlebt hat. Diesmal wurden auch noch Orte angefahren, an denen die Militarisierung unserer Gesellschaft und Europas thematisiert wurden.

Gestartet wurde die Tour beim Europafest auf dem Marktplatz, bei dem wir zu Beginn - nach der Eröffnungsansprache des OB und einem Musikstück - noch Gelegenheit erhielten, von der großen Bühne aus den Festbesuchern/innen unsere Aktion und ihre Ziele vorzustellen. Um 11.30 Uhr setzten sich dann bei gutem Wetter die 35 Tourteilnehmer/innen auf ihren mit Fahnen, Plakaten und Luftballons geschmückten Fahrrädern in Bewegung. Begleitet wurden wir von drei Polizisten auf Motorrädern, die uns an Kreuzungen und Querstraßen den Weg frei machten und dadurch für ein schnelles Vorankommen und für unsere Sicherheit sorgten.

Ein Höhepunkt war sicher die Straßen-Umbenennungs-Aktion. Das neue Schild "Clara-Immerwahr-Weg" war auch mehrere Tage danach nicht entfernt worden. Nach 2½ Stunden kehrten wir wieder zum Marktplatz zurück, wo uns der Moderator begrüßte und noch einige lobende Worte zu unserer Aktion äußerte.

Den Teilnehmer/innen der Tour hat's Spaß gemacht und sie waren dankbar für die gute Organisation und für die vielen wichtigen Informationen.

Im Gegensatz zur letzten Tour war das Medienecho diesmal sehr schwach und auch die Zahl der Teilnehmenden lag unter derjenigen der letzten Male, als wir jeweils 50-60 Radler/innen waren.


An sechs Orten wurden Pausen eingelegt und Beiträge zu diesen Orten vorgetragen:

Ehemalige Synagoge, Kronenstraße:
Erinnerung an den 8. Mai 1945
» Beitrag von Jürgen Schuhladen-Krämer
Kreiswehrersatzamt/Bundeswehrfachschule, Rintheimer Querallee:
Zivil-Militärische-Zusammenarbeit
» Beitrag eines Vertreters des Ettlinger Bündnisses gegen Rassismus und Neonazis
Europaschule (Waldstadt):
Militarisierung Europas
» Beitrag von Arno Neuber
Bertha-von-Suttner-Straße:
Lebensbild
» Beitrag von Sonnhild Thiel
Fritz-Haber-Weg (Uni-Gelände):
Verantwortung von Wissenschaftlern
Symbolische Umbenennung in Clara-Immerwahr-Weg
» Beitrag von Jürgen Schuhladen-Krämer
Berliner Platz:
Militärforschung am KIT (Universität)
» Beitrag von Dietrich Schulze

Jürgen Schuhladen-Krämer

Station: Ehemalige Synagoge, Kronenstraße

Zum 8. Mai

Ulli Thiel kündigt den Redebeitrag von Jürgen Schuhladen-Krämer an der ehemaligen Synagoge an

Unsere diesjährige Friedensfahrt am "Europatag" begann eben beim Europafest am Marktplatz und wird uns im Verlauf zu einigen Haltepunkten führen, worin sich die Verbindung von Militär und zivilen Bereichen zu einer unfriedlichen, kriegerischen Allianz zeigen wird. Positive Beispiele einer verantwortungsvollen Haltung und der Auseinandersetzung gegen Militarismus und Krieg werden auch darunter sein.

Der Europatag bezieht sich auf den 9. Mai 1950, mit der Erklärung des französischen Außenministers Robert Schumann, einem Vorschlag zu einer wirtschaftlichen Verbindung der deutschen und französischen Kohle- und Stahlindustrie. Begründet, fünf Jahre nach dem entsetzlichen Zweiten Weltkrieg, mit Wunsch nach Frieden in Europa. Diese Montanunion wurde der Beginn eines riesigen ökonomischen Projektes und damit einer der Grundsteine der späteren EWG und heutigen EU. Diese EU stellt sich heute aber immer eindeutiger als ein ökonomischer Block dar, allein am Gedanken des marktradikalen Wettbewerbs ausgerichtet, dem sich soziale, menschliche Bedürfnisse unterordnen müssen. Und diese EU betreibt auch eine Außenpolitik, die auf militärisches Eingreifen weltweit setzt, sowohl mit als auch unabhängig von der NATO. Dagegen wenden wir uns, nicht nur heute. Europa abrüsten, ist unser Ziel.

Wir verbinden den heutigen Tag, den 8. Mai, nicht mit dem Europatag und beziehen uns nicht positiv auf ein EU-Projekt, das zwar Wohlstand und Frieden verspricht, tatsächlich aber ein Projekt zur Durchsetzung ökonomischer Macht ohne Rücksicht ist. Wir erinnern heute den 8. Mai als Tag der Befreiung. Heute vor 65 Jahren wurde der Hitlerfaschismus durch die Alliierten beendet.

Am Ort der einen von ehemals zwei Synagogen in Karlsruhe wird das besonders augenfällig. Denn es erinnert nur noch diese Platzgestaltung mit der Reliefansicht daran, dass hier einst ein jüdisches Gotteshaus stand. Es fiel nicht dem Luftkrieg zum Opfer, sondern dem nationalsozialistischen Rassewahn und Terror in der Reichspogromnacht 1938. Zwei Jahre später wurden alle hier noch lebenden Juden aus Karlsruhe nach Gurs deportiert und von dort ab Sommer 1942 in die Vernichtungslager: 1.039 jüdische Opfer aus Karlsruhe sind insgesamt namentlich bekannt.

Wir erinnern uns heute am 8. Mai - und auch an allen anderen Tagen - an die Ursprünge des deutschen Faschismus, seine Triebkräfte und Träger. Wir wissen um die seinerzeitige Nähe und Verbindung der konservativen bürgerlichen Eliten sowie Wirtschaftskreise mit der NSDAP. Wir stellen den 8.Mai 1945 in einen Zusammenhang mit dem 30. Januar 1933, den 9. November 1938 und dem 1. September 1939. Wir wissen, dass die Nazis am Anfang ihre politischen Gegner ausgeschaltet haben, und am Ende den Krieg um die deutsche Vorherrschaft führten. Es ist unsere Aufgabe, weiterhin die Fragen nach Ursprung und Konsequenzen aus Nationalsozialismus und Weltkrieg zu stellen.

Die befreiten Häftlinge vom KZ Buchenwald schworen am 19. April 1945: "Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung, der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel." Dieser Schwur ist heute noch einzulösen. Von Vielem was zu sagen wäre nur zwei Punkte: Der Nazismus hat Kontinuität, von den alten Kameraden zu den heutigen Neonazis, NPD und Kameradschaften.

"Wir haben es nicht geschafft, die Welt des Friedens und der Freiheit zu errichten. Und wir haben es auch nicht geschafft, ein Widererstarken der Neonazis zu verhindern. Nun liegt es an euch, den Nachgeborenen, diesen Kampf weiterzuführen" betonte Peter Gingold als deutscher Widerstandskämpfer in der französischen Resistance in seiner Rede zum 60. Jahrestag der Befreiung von Nazideutschland am 8. Mai 2005, als Tausende Neonazis durch Berlin marschieren wollten.

Neonazis marschieren immer dreister auf. Ihre neue Strategie ist, an Tagen der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung zu provozieren und Aufmärsche zu versuchen. Und nun auch bei uns Und wir haben eine neue Entwicklung: Das NPD-Zentrum in Durlach konnte verhindert werden. Seit März aber haben die Kameradschaften in Söllingen beim Airpark ein neues Zentrum im ehemaligen Gasthof "Zum Rössle", das ihnen vom Wirt vermietet wird. Hier finden Schulungen, Übungen und Konzerte der Neonaziszene statt, getarnt als private Feiern. Auch heute Abend, es soll ein Konzert mit hunderten Nazis geben. Gegen dieses neue Nazizentrum muss Gegenwehr organisiert werden, dazu in den nächsten Tagen mehr.

Am 8.Mai denken wir auch an den Völkermord in deutscher Verantwortung. Roma und Sinti fielen ähnlich den Juden dem NS-Völkermord zum Opfer. Ihre Deportation begann 1940. Mit der deutschen Besetzung Osteuropas wurden hunderttausende Roma teils an Ort und Stelle, teils in den Vernichtungslagern ermordet. Heute erleben Roma in Osteuropa wieder Rassismus und Verfolgung. Über 10.000e sind nach dem Jugoslawienkrieg 1999 aus dem Kosovo vertrieben worden, 12.000 suchten Schutz in Deutschland. Diese Menschen sollen nun nach über zehn Jahren nach dem Willen der deutschen Politik in das Kosovo zurück geschoben werden, wo sie keine Lebensgrundlagen und keine Perspektiven haben. Gegen diese inhumane Politik, die einem im Grundgesetz als Konsequenz des Faschismus einst niedergelegten Recht auf Asyl Hohn spricht, findet heute Mittag um 14 Uhr eine Demonstration statt. Eine große Beteiligung ist angesagt, gegen eine Politik, die Deutschland und Europa zu aggressiven Vertretern einer Wirtschafts- und Militärpolitik macht, die Kosten dieser Politik als Festung gegen Flüchtlinge aber draußen halten will.

So gesehen, bedeutet der 8. Mai eine Verpflichtung, weiterhin für eine Welt einzutreten ohne Unterdrückung und Krieg.


Beitrag eines Vertreters des Ettlinger Bündnisses gegen Rassismus und Neonazis

Station: Kreiswehrersatzamt/Bundeswehrfachschule, Rintheimer Querallee

Zivil-Militärische-Zusammenarbeit

Liebe KollegInnen, liebe FriedensfreundInnen,

zivil-militärische Zusammenarbeit bedeutet Militarisierung der Innenpolitik. Beauftragte der Bundeswehr vermitteln Landräten und Oberbürgermeistern "die militärische Kompetenz, auf die sie sich bei Katastrophen und besonders schweren Unglücksfällen stützen können". Dazu gehören auch so genannte Großschadensereignisse. Was ist aber damit gemeint? Welche Krisen sollen da mit militärischer Hilfe zivil gelöst werden?

Einsätze gegen Demonstrationen wie 2007 in Heiligendamm; wo die Bundeswehr der Polizei so genannte Amtshilfe mit Tornados und Panzern gab, erfolgten z.B. im Rahmen der zivilmilitärischen Zusammenarbeit. Auf eine Anfrage der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke, DIE LINKE, kam heraus, dass der Einsatz der Bundeswehr gegen Streikende und Demonstrierende im Rahmen der Zivil-militärischen Zusammenarbeit nicht auszuschließen ist. Ob "Großereignisse (Staatsbesuche, Gipfel) sowie damit in Zusammenhang stehende Demonstrationen Anlässe für die Zusammenkunft der Katastrophenschutzstäbe sein" können, obliege den zuständigen Behörden. Es bleibe "dem jeweiligen konkreten Einzelfall vorbehalten", ob "Streiks im Transport-, Energie- oder Sanitätssektor oder bei der Müllabfuhr als Begründungen für ein Tätigwerden der ZMZ-Strukturen herangezogen werden können".

Die Entdemokratisierung der Gesellschaft mittels ZMZ findet auch ihren Ausdruck in der Aufwertung der Rolle der Militärs bei der "Berufsberatung". Jugendliche ohne Arbeits- und Ausbildungsplatz werden zunehmend in den Arbeitsagenturen unter Druck gesetzt um in der Bundeswehr zu dienen.

Über 400 000 Schülerinnen und Schüler sind im vergangenen Jahr von Soldaten der Bundeswehr über die Kriegspolitik der Bundesrepublik Deutschland und Arbeitsmöglichkeiten bei der Truppe - verwendet wird der Begriff "unterrichtet"- worden. Auf dem Schulungsplan der Militärs stehen zum einen "Informationen zur Sicherheitspolitik". Zum anderen agieren Wehrdienstberater um direkt Nachwuchs zu rekrutieren. Ausbildungsund Jobmessen sind bevorzugte Anlässe. Neben "Unterricht" bieten Jugendoffiziere auch Lehrerfortbildungen und Referendarausbildungen an. Für Referendarinnen gibt es keine Möglichkeit, dieser Ausbildung durch Bundeswehroffiziere zu entgehen.

Erst im vorigen Dezember hatte das baden-württembergische Kultusministerium eine Kooperationsvereinbarung mit der Bundeswehr getroffen. Sie legt den LehrerInnen nahe, Militärs einzuladen. Ich zitiere: "Jugendoffiziere informieren im schulischen Kontext Schülerinnen und Schüler über die zur Friedenssicherung möglichen und/oder notwendigen Instrumente der Politik". Die Teilnahme an diesem Unterricht ist für SchülerInnen natürlich Pflicht.

Gegen diese Propagandakompanien regt sich allerdings Widerstand von SchülerInnen, Eltern, LehrerInnen, GEW, ver.di, DGB, DFG/VK, IMI, VVN und der Partei DIE LINKE.

SchülerInnen dürfen zum Thema Krieg und Frieden nicht nur die Anschauung des Militärs vermittelt bekommen. Militärischen Lösungen von Konflikten darf keine Priorität vor einer friedensorientierten Politik, vor Konzepten zu einer gewaltfreien Konfliktbewältigung eingeräumt werden.

Die Landesverfassung von Baden-Württemberg gibt die Erziehung zur Friedensliebe als Bildungsauftrag vor.

Wo bleibt also eine Kooperationsvereinbarung des Kultusministeriums mit den Organisationen, die Militäreinsätze für den falschen Weg halten?

Ihr alle kennt die Antwort!

Laut Ministerium ist das natürlich nicht geplant, da die "besondere Wertschätzung" der Landesregierung einzig und allein dem Militär gilt!

Schulen sind für die Bildung da und nicht um Nachwuchs für den Krieg zu rekrutieren!

Das ist unerträglich!

Krieg bedeutet Zerstörung und Tod.

Krieg bedeutet Angst und Gewalt.

Krieg bedeutet Elend und Furcht.

Er bedeutet Vernichtung von Umwelt, Natur und menschlichen Lebensgrundlagen.

Wir müssen statt in immer mehr Krieg, endlich anfangen in denn Frieden zu investieren.

Der Krieg in Afghanistan muss sofort beendet werden.

Bundeswehr raus aus Afghanistan!

Bundeswehr raus aus Landratsämtern, Rathäusern, Arbeitsagenturen!

Bundeswehr raus aus der Schule.

Doch wohin mit der Bundeswehr?

Weg damit!!!


Arno Neuber

Station: Europaschule (Waldstadt)

Militarisierung Europas

Arno Neuber zur Militarisierung Europas

Wir stehen hier vor einer Schule. Bildung und Kultur wären ein schönes Symbol für eine Europäische Union. Stattdessen verwandelt sich diese Union immer schneller in die Militärmacht EU.

In der sog. Lissabon-Strategie hat die EU sich vor zehn Jahren das Ziel gestellt "zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt" zu werden.

Dabei wird Bildung immer stärker zur Ware gemacht, Bildungseinrichtungen privatisiert und Konzerninteressen unterworfen. Grassiert der Bildungsnotstand.

Die wirkliche Dynamik gibt es in der EU bei Rüstung und Militär.

Über 200 Milliarden Euro geben die 27 EU-Staaten jährlich für die Militarisierung aus, während rund 80 Millionen Menschen in der EU von Armut bedroht sind.

2,5 Millionen Soldaten stehen in den EU-Armeen unter Waffen. Mit schnellen Eingreiftruppen, den battle groups, rüstet die EU für weltweite Kampfeinsätze gemeinsam mit der NATO oder im Alleingang. Inzwischen wurde die EU-Sicherheitsstrategie in 23 Einsätzen in aller Welt getestet, mit Kampftruppen, paramilitärischen Gendarmerieeinheiten und Polizisten. In Mazedonien, im Kongo, in Bosnien und im Kosovo.

Der neue EU-Vertrag verpflichtet die Mitgliedstaaten, ihre militärischen Fähigkeiten ständig zu verbessern. Mit anderen Worten: Die immer weitere Aufrüstung ist zum Unionsziel geworden. Eine eigens dafür gegründete Instanz, die Europäische Rüstungsagentur EDA, überwacht, dass die EU-Länder auch Dampf machen bei der Rüstung.

Der EU-Vertrag verpflichtet die Mitglieder zur Militäreinsätzen unter EU-Flagge, die auch Kampfeinsätze einschließen und er legt fest, dass EU-Außenpolitik mit dem Kriegsbündnis NATO kompatibel sein muss.

All das findet praktisch in einer demokratiefreien Zone statt. Das Europäische Parlament hat bei der Militärpolitik keine wirklichen Rechte. Die Entscheidungen fallen im Rat der Staats- und Regierungschefs. Der Europäische Gerichtshof darf sich nicht mit Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik befassen.

Wenn wenige Tage vor dem 65. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg erstmals deutsche Kampftruppen, das Jägerbataillon 291, dauerhaft in Frankreich, in Illkirch-Graffenstaden, stationiert werden, dann zeigt das, was aus dem als Friedenswerk titulierten EU-Projekt geworden ist: Eine Militärkumpanei.

Stellen wir den Machtphantasien von einer Militärmacht EU unsere Visionen eines Bündnisses aller Menschen gegenüber, die für Frieden, sozialen Fortschritt und Solidarität eintreten.

Lassen wir uns dabei inspirieren vom Widerstand, vom Mut und von den Hoffnungen derjenigen, die gemeinsam im europäischen Widerstand gegen Krieg und Faschismus gestanden haben.


Sonnhild Thiel

Station: Bertha-von-Suttner-Straße

Lebensbild

Liebe Mitradlerinnen und Mitradler,

in der Bertha-von-Suttner-Straße, wollen wir an eine Frau erinnern, die in ihrer Zeit von vielen als "Friedensbertha" belächelt wurde.

Bertha von Suttner wurde am 9. Juni 1843 in Prag als Gräfin Kinski geboren. Der sehr alte Vater war kurz vor ihrer Geburt im Alter von 75 Jahren gestorben. Er hinterließ eine 48 Jahre jüngere Witwe, die in der Hoffnung auf Gewinn das Erbe in Spielsalons nach und nach verlor. Die junge Bertha erlebte trotz allem eine sorglose Jugend. Die damals übliche Laufbahn eines jungen Mädchens aus diesen Kreisen - Ehe mit einem wohlhabenden Mann - zerschlug sich nach drei gescheiterten Verlobungen.

Als 30-jährige nahm die resolute Bertha ihr Leben endlich in die Hand, sie wurde berufstätig. Da sie aus gutem Hause kam, drei Sprachen beherrschte, belesen war und gut Klavier spielen konnte, wurde sie als Erzieherin und Gouvernante für die vier Töchter im Hause des Barons Carl von Suttner aufgenommen. Bald verliebte sie sich in einen Sohn des Hauses, Arthur von Suttner, der ihre Gefühle erwiderte. Als zwei Jahre später diese geheimgehaltene Beziehung entdeckt wurde, musste sie ihren Arbeitsplatz aufgeben, da die Eltern Suttner einer Eheschließung nicht zustimmten. Schließlich war Berthas Mutter nicht nur von geringerem Adel, Bertha war 7 Jahre älter als Arthur.

Bertha meldete sich auf eine Stellenanzeige von Alfred Nobel in Paris, einem reichen Industriellen aus Schweden, der 10 Jahre zuvor das Dynamit erfunden hatte. Obwohl sie nur wenige Tage für Nobel arbeitete, entwickelte sich aus diesem Zusammentreffen eine lebenslange Freundschaft. Wegen ihrer Liebe zu Arthur von Suttner kehrte sie sehr schnell nach Wien zurück. Am 12. Juni 1976 heirateten Bertha und Arthur heimlich und flohen zusammen in das Fürstentum Mingrelien im Kaukasus (heutiges Georgien) und lebten unter bescheidenen Verhältnissen Bertha erteilte Unterricht; Arthur schlug sich überwiegend mit Gelegenheitsarbeiten durch. Beide begannen mit der Schriftstellerei und hatten Erfolg. Durch diesen Erfolg mit der Suttner-Familie versöhnt, stand im Jahr 1885 einer Rückkehr nach Wien nichts mehr im Wege.

Die Suttners schrieben für verschiedene Zeitschriften Artikel. Sie waren in einem guten Sinne liberal, sie setzten sich gegen Antisemitismus ein und sie waren für soziale Reformen.

1887 hörte Bertha von Suttner zum ersten Mal davon, dass es eine Friedensbewegung gibt. Sie war"elektrisiert", sie hatte ihr Lebensthema gefunden, das sie nie mehr losließ.

Im Jahr 1889 erschien ihr Roman "Die Waffen nieder !", der bald in alle Kultursprachen übersetzt wurde und sich zu einem der größten Bucherfolge des 19. Jahrhunderts entwickelte. Die Autorin wurde dadurch weltberühmt.

1891 wurde in Österreich eine Friedensgesellschaft gegründet, deren Präsidentin Bertha von Suttner war. Der damals 18-jährige Journalist Alfred Hermann Fried begeisterte sich für die Ideen Bertha von Suttners. Er wurde bis zu Berthas Tod ihr treuer Mitarbeiter. Auf seine Initiative gründeten sie 1892 die Deutsche Friedensgesellschaft und sie gaben zusammen die Friedenszeitschrift "Die Friedenswarte" heraus.

1896 starb Alfred Nobel. Sein Vermögen vermachte er einer Stiftung, durch die jedes Jahr die hervorragenden Frauen und Männer der Wissenschaft und Literatur ausgezeichnet werden sollten. Es ist sicher dem Einfluss Bertha von Suttners auf Nobel zu verdanken, dass auch diejenigen ausgezeichnet werden sollten, "welche am meisten und besten für die Verbrüderung der Völker, für die Abschaffung oder Verminderung der stehenden Heere sowie für die Bildung und Verbreiterung von Friedenskongressen gewirkt haben." Im Jahr 1905 bekam Bertha von Suttner als erste Frau der Welt den Friedensnobelpreis.

1899 nahm Bertha von Suttner als einzige Frau am Internationalen Friedenskongress in Den Haag teil, dem 1907 ein zweiter folgte. Hier saßen die Vertreter der Nationen zusammen und überlegten, wie man durch gezielte Abrüstung Kriege verhindern könnte. Aus diesen Ansätzen ist später der Völkerbund hervorgegangen und nach dem zweiten Weltkrieg die UNO.

Ende 1902 starb Arthur von Suttner, der seine Frau immer sehr unterstützt hatte. Unter diesem Schicksalsschlag wäre Bertha zusammengebrochen, hätte der Tote sie in seinem Testament nicht zur Weiterarbeit verpflichtet : .... Du weißt, dass wir in uns die Pflicht fühlen, unser Scherflein zum Besserwerden der Welt beizutragen ... Mit meinem Hingang ist diese Pflicht nicht erloschen. Du musst in unseren Intentionen weiterstreben.....

Deshalb arbeitete sie wie zuvor unermüdlich und mutig als Journalistin und Schriftstellerin, als Propagandistin und Vortragsrednerin. Noch als 70-jährige entschloss sie sich zu einer Tournee durch 50 Städte Nordamerikas, um die Gedanken des Friedens, der Toleranz und der Versöhnung in die Herzen der Menschen, der Jugendlichen vor allem, zu pflanzen. Sehr krank kam sie von dieser Vortragsreise im Dezember 1913 zurück. Sie starb am 21. Juni 1914 an Magenkrebs. Wenige Tage danach fielen in Sarajewo jene Schüsse, die den von ihr schon seit Jahren befürchteten europäischen Krieg auslösten. - Bertha von Suttner selbst schrieb : Und wenn dieses Fürchterliche einträfe, dann würden uns die Leute doppelt verhöhnen, statt einzugestehen, dass wir recht haben, wenn wir warnend rufen : Europa beeile dich, dich zu verbrüdern, beeile dich, den Krieg unter deinen Nationen auszuschalten, sonst kann der nächste Zwischenfall dich zugrunde richten.

Wir stehen aber auch an der Albert-Schweitzer-Straße, die auch einem Friedens-Nobelpreisträger gewidmet ist. Wenn man die Kriterien für den Friedensnobelpreis aus dem Stifter-Testament zugrunde legt, dann hätte Albert Schweitzer diesen Preis nicht verdient, da er sich bis dahin nicht für Frieden eingesetzt hat. Das hat Schweitzer sogar in seiner Nobelpreis-Rede so ausgesprochen. Freilich war ihm dieser Preis dann Ansporn, sich sehr deutlich für die Ächtung von Atomwaffen auszusprechen und einzusetzen. Ab da war er für die Offiziellen eine "Unperson", er wurde als starrköpfiger Alter, der nicht mehr durchblickt. oder als Kommunist diffamiert.

Dass im letzten Jahr ein amerikanischer Präsident den Friedensnobelpreis erhielt, der zur Zeit der Verleihung zwei Kriege führte, der für Rüstung und Kriege pro Jahr zig Milliarden Dollar ausgibt, ist an Perversion kaum mehr zu überbieten. Er hätte ihn - ehrlicherweise - ablehnen müssen.


Jürgen Schuhladen-Krämer

Station: Fritz-Haber-Weg (Uni-Gelände)
KIT-Campus vor dem Druckreaktor zur Ammoniaksynthese nach Haber-Bosch

Zur Verantwortung(slosigkeit) einer Naturwissenschaft im Dienst von Krieg und Wirtschaft.
Beispiel Fritz Haber, Gegenbeispiel Clara Immerwahr-Haber
Symbolische Umbenennung in Clara-Immerwahr-Weg

Vorher:

Fritz-Haber-Weg

Dr. phil. Fritz Haber (1868 - 1934),
Prof. f. physikalische Chemie und Elektrochemie
Erfinder der Ammoniaksynthese, Chemie-Nobelpreisträger 1918


Nachher:

Clara-Immerwahr-Weg

Dr. Clara Immerwahr (1870 - 1915)
Chemikerin, Frauenrechtlerin. Bezeichnete die Giftgasforschung ihres Ehemanns Fritz Haber als „Perversion der Wissenschaft“. Suizid nach „erfolgreichem“ Giftgaseinsatz in Ypern 1915. Haber setzte seine Kriegsverbrechen unbeeindruckt fort.

An dieser Stelle, wo die Irene-Rosenberg-Straße auf den Fritz-Haber-Weg trifft, ist allein damit eine spannungsreiche Symbolik gegeben. Beide Namensträger sind jüdischer Herkunft, damit endet aber jede Gemeinsamkeit. Dr. Irene Rosenberg machte 1909 Abitur am ersten deutschen Mädchengymnasium in Deutschland, dem heutigen Lessing-Gymnasium in Karlsruhe, sie absolvierte ein Chemiestudium an TH Karlsruhe und wurde 1915 die erste promovierte Frau an dieser Hochschule; sie und ihr Mann, Mediziner engagierten sich in zahleichen sozialen Organisationen, 1938 musste sie mit ihrer Familie vor der antisemitischen Politik in Deutschland in die USA emigrieren.

Kein deutscher Nobelpreisträger hat solch eine widersprüchliche Beurteilung erfahren wie Fritz Haber. In seinem Leben bündeln sich wie in einem Brennglas sowohl die Tragik der inhumanen Auswirkung naturwissenschaftlicher Forschung, verbunden mit privatwirtschaftlichem Nutzen, ebenso auch die deutsch-jüdische Symbiose.

Haber kam nach seinem Studium als chemischer Assistent 1894 nach Karlsruhe, wurde 1898 außerordentlicher Professor. 1905 gelang ihm hier die Ammoniaksynthese. Die synthetische Herstellung von Ammoniak ersetzte das Salpeter zur Herstellung von Düngemitteln. Ein Meilenstein für die Landwirtschaft und für die Ernährungsmöglichkeit. Salpeter war zugleich nötig zur Herstellung von Schießpulver bzw. Sprengstoffen. Das künstliche Ammoniak ermöglichte dem Wilhelminischen Deutschland überhaupt erst die Kriegsführung im Ersten Weltkrieg trotz Blockade. Haber forschte nicht selbstlos und rein für die Wissenschaft, seit 1907 hatte er einen Vertrag bei der BASF, wo er zusammen mit Carl Bosch erst das kommerziell nutzbare Haber-Bosch-Verfahren zur industriellen Herstellung des Ammoniaks entwickelte. D.h. die Grundlagenforschung fand hier und mit öffentlichen Mitteln statt, die ökonomische Ausbeute erfolgte privat. Die BASF-Aktien stiegen, Haber selbst wurde Millionär.

Fritz Haber wusste in einem damals noch unbekannten Ausmaß Wissenschaft mit der Industrie, Politik und Militär zu verbinden. Seine politischen Ansichten waren durch und durch konservativ, er dachte deutschnational, und machte sich zu einem der Sprachrohre des deutschen Chauvinismus. Unvergessen sei der militaristische Aufruf vom 4. Oktober 1914 "Aufruf an die Kulturwelt" von 93 Wissenschaftlern und Künstlern, darunter sein Name, der den Krieg im Namen der "deutschen Kulturnation" rechtfertigte. Haber saß im Aufsichtsrat der BASF und seit dem Zusammenschluss der Chemieindustrie in Deutschland 1925/26 auch der IG-Farben-Industrie, deren Namen immer mit Auschwitz verbunden bleiben wird.

1911 ging Haber von Karlsruhe an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie nach Berlin. Er hatte seine Karriere von Beginn an berechnend geplant, u.a. war er nach seinem Studium aus dem Judentum zum Protestantismus konvertiert - wobei dies nicht unbedingt so sehr auf ihn zurück fällt, als vielmehr einen Blick auf die Abgründe in der deutschen Gesellschaft jener Zeit wirft. Das Kaiser-Wilhelm-Institut unterstellte Haber 1914 direkt der Militärführung. Er organisierte in den eigens dafür errichteten Leunawerken neben BASF-Ludwigshafen die Kriegsrüstung. Vor allem aber wurde Haber der Initiator, Organisator und Ausführender der deutschen Gaskriegsführung. Seit 1912 hatte er in Berlin mit Chlorgas und Phosgen, einem Nebenprodukt der Farbenindustrie, experimentiert und dabei schon die Nähe zum Militär gesucht. Am 22. April 1915 fand der erste deutsche Gasangriff bei Ypern unter seiner direkten Verantwortung und persönlichen aktiven Teilnahme statt. Der Atomforscher Otto Hahn kritisierte Haber dafür, der meinte darauf nur, dass der Gaskrieg unzählige Menschenleben rette, wenn der Krieg auf diese Weise schneller beendet würde. An diesem 22. April 1915 wurden bei diesem ersten Angriff 15.000 französische und englische Soldaten verätzt, 5.000 starben. Der ebenfalls in Karlsruhe bis 1912, dann in Zürich, wirkende Chemie-Professor und ebenfalls spätere Nobelpreisträger Hermann Staudinger war entgegen Haber ein Streiter für den Frieden. Er äußerte sich im Krieg zur Verantwortung der Naturwissenschaft und warf Haber moralische Verantwortungslosigkeit vor. Haber entgegnete ihm mit dem Vorwurf des schweren Landesverrates.

Nach 1919 agierte Haber mehr und mehr als Wissenschaftsmanager, forschte aber weiterhin. Die Forschung zur Goldgewinnung aus Meerwasser zur Zahlung der Reparationen des Deutschen Reiches gemäß dem Versailler Vertrag endete erfolglos. In der Wirtschaftspolitik war er erfolgreicher, war bei der Gründung der Degesch, Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Teilhabe von Degussa, BASF und Höchst), federführend, die bis 1924 das Zyklon A, B und C zur Schädlingsausrottung entwickelte. Zyklon B wurde in Auschwitz-Birkenau zur industriellen Massenermordung eingesetzt.

Haber verlor wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 seine Stellung am Kaiser-Wilhelm-Institut. Gebrochen und verbittert, wandte er sich an seinem Lebensende noch dem Zionismus zu und machte Chaim Weizmann Zusagen für den Aufbau eines Instituts in Palästina. Doch starb er kurz darauf erkrankt 1934.

Der Straßenname Fritz-Haber-Weg stieß bei den Aktiven des Bildungsstreiks im vergangenen Jahr, die sich mit der Verantwortung von Wissenschaft und der notwendigen Unabhängigkeit von Kapitalinteressen beschäftigten und den Zusammenhang von Militärforschung mit dem aus Uni und Forschungszentrum fusionierten KIT kritisieren, auf Missfallen. Sie haben diese Straße umbenannt in Clara-Immerwahr-Haber-Weg als Ausdruck der Achtung für eine Streiterin für den Frieden. Deshalb ist mit der gegebenen Darstellung zu Fritz-Haber eben nur ein Teil gesagt worden: Clara Immerwahr (1870-1915), promovierte Chemikerin, musste als Ehefrau Fritz Habers ihre eigene ambitionierte Karriere aufgeben. Dabei war sie in seine Forschungen involviert, indem sie redaktionelle Tätigkeiten für ihn ausführte. Clara Immerwahr hatte sich gegen die Giftgasforschungen ihres Mannes gewandt, auch öffentlich, sie verstand sich ausdrücklich als Pazifistin. Im Januar 1915 hatte sie anlässlich eines Besuches Habers vor Vertretern von Industrie und Militär sich öffentlich scharf geäußert. Nach dem ersten Gasangriff bei Ypern beging sie demonstrativ Suizid, um ein Zeichen zu setzen. Dieser Hintergrund wurde von Fritz Haber und den stattlichen Stellen bewusst vertuscht. In bewusster Ablehnung der Wissenschaften im Dienst von Wirtschafts- und Militärinteressen tun wir es den aktiven Studierenden des Bildungsstreiks gleich und benennen hiermit erneut in Clara-Immerwahr-Haber-Weg um, indem wir dieses Straßennamenschild mit Erläuterung zu ihrer Person anbringen.


Dietrich Schulze

Station: Berliner Platz

Militärforschung am KIT (Universität)

Dietrich Schulze zur Militärforschung am KIT

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir haben heute zum 65. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg mit der symbolischen Straßen-Umbenennung die Chemikerin und Frauenrechtlerin Clara Immerwahr geehrt. Das war gut so und das ist notwendig an dieser Universität Karlsruhe, heute KIT Campus Süd genannt. Die Spur von verantwortungslosen Wissenschaftlern an dieser Technischen Hochschule endet bei weitem nicht mit Fritz Haber, dem begnadeten Chemiker und Giftgas-Kriegsverbrecher aus dem Ersten Weltkrieg.

Nur ein weiterer furchtbarer Forscher sei genannt. Konrad Henkel, der spätere Chef des Henkel-Konzerns mit dem berühmten Waschmittel "Persil". Promotion 1939 über die biochemische Wirkung von Nervengasen. Bald danach Eintritt in die Kampfstoff-Abteilung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für medizinische Forschung in Heidelberg. Dort entdeckte er 1944 das Nervengas Soman, das allen bis dahin bekannten Giftgasen weit überlegen war. Eine Nazi-"Wunderwaffe", die zum Glück nicht mehr zum Einsatz kam. Die alliierten Streitkräfte waren schneller. Henkel erhielt später einen Persilschein und wurde zum Weißwäscher der Nation. Dessen verbrecherische Forschungstätigkeit für Hitler wurde mit Fleiß vertuscht und erst vor 5 Jahren aufgedeckt.

»Demjenigen Deutschen, der noch einmal eine Waffe in die Hand nimmt, soll der Arm abfallen.« Das sagte ausgerechnet der CSU-Politiker und spätere Atom- und Kriegsminister Franz-Josef Strauß, der damit nur das ausdrückte, was die erdrückende Mehrheit der Deutschen nach dem Ende des Krieges dachte. Die Fakten über das faschistische Menschheitsverbrechen kamen damals Tag für Tag ans Licht. Das Grundgesetz von 1949 sah deswegen überhaupt kein Militär vor, sondern nur das Recht auf Kriegsdienstverweigerung. Als ob das alles nicht in deutschem Namen geschehen wäre, ordnete 65 Jahre später ein Bundeswehr-Offizier ungerührt ein Massaker an der afghanischen Zivilbevölkerung an. Ein Kriegsverbrechen. Es wird noch nicht einmal Anklage erhoben. Kein Aufschrei geht durch das Land.

Dieser Krieg löst keine Probleme, sondern er ist das Problem. In diesem Krieg werden neue Waffen und andere Kriegsmittel erprobt. Zum Beispiel Drohnen in der Luft und unbemannte intelligente Fahrzeuge am Boden - Killer-Roboter. Oder neue Kommunikationsmittel für den "archaischen Kämpfer" im High-Tech-Krieg (O-Ton Heeres-Inspektor Generalleutnant Hans-Otto Budde anlässlich seiner Amtseinführung vor 6 Jahren, gerade Ende März ausgeschieden). Diese Kriegsmittel werden in der Rüstungsindustrie, in Militärforschungs-Institutionen und zunehmend auch in den Universitäten erforscht und entwickelt. Und die Uni Karlsruhe ist - wieder - dabei und wieder wird vertuscht.

Die Fakten konnten nur mit Hilfe von externen FriedenswissenschaftlerInnen aufgedeckt und veröffentlicht werden. Still, heimlich und stetig soll hier in unserer Stadt ein zivil-militärischer Forschungskomplex aufgebaut werden. Der größte Skandal: Seit 1. Oktober wird unter dem Dach des KIT Kern- und Waffenforschung betrieben. Und das bei geplanter vollständiger personell-organisatorischer Verschmelzung. Ein eklatanter Verstoß gegen den Gründungskonsens der Zivilklausel des Forschungszentrums. Dagegen haben sich internationale Persönlichkeiten gewandt. Darunter Nobelpreisträger und der Bürgermeister von Hiroshima.

Gegen die Indienstnahme für militärische Zwecke regt sich Widerstand bei den Studierenden der Universität. In einer Urabstimmung im letzten Jahr haben sie sich für eine Zivilklausel am KIT ausgesprochen. Das heißt für den Verzicht auf jegliche Militärforschung. Die Landes-Studierenden-Vertretung fordert inzwischen die Zivilklausel für alle Universitäten. Mit voller Unterstützung der Gewerkschaften.

Die Landesregierung verweigert die Zustimmung. Begründung: Die Klausel verstoße gegen das Verfassungsgebot der Freiheit von Wissenschaft und Forschung. Das Gegenteil ist wahr. Gerade wegen zweier von deutschem Boden ausgegangener Weltkriege ist die Verfassung auf Frieden ausgerichtet. Und die Freiheitsrechte richten sich gegen staatliche Gängelung und Willkür. Das genau geschieht aber, indem an den Unis mit Drittmitteln für Rüstungsprojekte gelockt wird. Und die Professoren greifen auch wegen zu geringer Grundfinanzierung zu. Das ist staatliche Gängelung. Diese würde wird mit der Zivilklausel unterbunden.

Der hinhaltende Widerstand der Landesregierung gegen die Zivilklausel muss gebrochen werden. Die Klausel kann und sollte baldmöglichst durch Senatsbeschluss in die Grundordnung der Universität eingefügt werden. So wie das der Senat der Universität Tübingen im letzten Jahr beschlossen hat. Der Beschluss kam auf Initiative der Studierenden im Tübinger Bildungsstreik zustande.

Wir wollen:

Frieden, Freiheit und Bildungschancen für alle.

Abschaffung der Studiengebühren. Autonomie der Studierendenvertretung. Mitbestimmungsrechte für die Beschäftigten. Keine militärische oder zivil-militärische Forschung am KIT. Zivilklausel rein - Militaristen raus. Bundeswehr raus aus den Schulen und raus aus Afghanistan.

"Krieg dem Kriege!"

Der alte Tanz auf dem alten Vulkan.
Du sollst nicht töten! hat einer gesagt.
Und die Menschheit hörts,
und die Menschheit klagt.
Will das niemals anders werden?
Krieg dem Kriege!
Und Friede auf Erden.

Kurt Tucholsky (1919)

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