
Schulfrei für die Bundeswehr - Aktion in Karlsruhe
Als wir im Juli 2010 erfuhren, dass Ende September die Bundeswehr für mehrere Tage an die Karlsruher Heinrich-Hübsch-Schule kommen wird, war uns im Friedensbündnis klar, dass wir dem etwas entgegensetzen wollen. Die Heinrich-Hübsch-Schule ist eine Gewerbeschule mit 2100 Schülern/innen, die teilweise im Blockunterricht oder an verschiedenen Tagen an der Schule sind. Die Bundeswehr war schon öfter an dieser Schule. Die ca. 120 Lehrer/innen wurden bisher immer vor vollendete Tatsachen gestellt und erfuhren meistens erst an dem Tag davon, als der Jugendoffizier in ihrem Unterricht anrückte.
In diesem Jahr lief es aber anders ab: eine ehemalige Lehrerin der Schule, die auch Mitarbeiterin im Friedensbündnis ist, nahm noch vor den Sommerferien Kontakt zu ehemaligen Kollegen/innen auf und fragte, ob sie an einer gemeinsamen Sitzung mit dem Friedensbündnis und anderen Interessierten teilnehmen wollen, um sich Gegeninformationen zu der Bundeswehr-Werbung auszudenken.
Eine versuchte Kontaktaufnahme zu Schülersprechern der Schule war nicht möglich, da das Schuljahr zu Ende ging und erst im neuen Schuljahr eine neue Zusammensetzung der Schülermitverwaltung erfolgen würde.
Gleich nach den Sommerferien wurde zu einer gemeinsamen Aktionsbesprechung eingeladen, an der 23 Menschen teilnahmen.
Planung
Beutelsbacher Konsens
Als Ergebnis einer Tagung der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg wurden im Herbst 1976 drei Grundprinzipien als Minimalbedingungen für politische Bildung festgelegt.
Überwältigungsverbot:
Es ist nicht erlaubt, den Schüler - mit welchen Mitteln auch immer - im Sinne erwünschter Meinungen zu überrumpeln und damit an der "Gewinnung eines selbständigen Urteils" zu hindern.
Kontroversitätsgebot:
Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen. Der persönliche Standpunkt des Lehrers, seine wissenschaftstheoretische Herkunft und seine politische Meinung sind dabei für den Unterricht verhältnismäßig uninteressant.
Schülerorientierung:
Der Schüler muss in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und seine eigene Interessenlage zu analysieren, sowie nach Mitteln und Wegen zu suchen, die vorgefundene politische Lage im Sinne seiner Interessen zu beeinflussen.
Diese erste gemeinsame Sitzung war sehr konstruktiv. Es wurden Vorgehensweisen auf verschiedenen Ebenen beschlossen.
- Bevor die Bundeswehr kommt, werden schon an zwei Tagen vor Schulbeginn Flugblätter an die Schüler verteilt (Schülerinnen sind an der Schule die Ausnahme).
- Es wird eine Homepage eingerichtet, über die sich Interessierte informieren können.
- Die örtliche Presse wird über den Bundeswehr-Besuch und die Gegenaktionen informiert.
- Die beiden Lehrkräfte kritisieren innerhalb der Schule, dass sie vor vollendete Tatsachen gestellt wurden und monieren das eigenmächtige Vorgehen des Schulleiters. In Zukunft soll das Kollegium vorher von der Schulleitung informiert werden, wenn ein Bundeswehr-Besuch ansteht. Außerdem wollen sie erreichen, dass ein Gemeinschaftskundelehrer in der Klasse anwesend ist. - Bisher war es so, dass derjenige Lehrer, der gerade Unterricht hat, dabei ist (das kann ein Technik-Lehrer oder jemand anderes sein).
- Der anwesende Gewerkschafter wird sich dafür einsetzen, dass vom DGB ein Brief an die Schulleitung geschickt wird, der an den Beutelsbacher Konsens erinnert (Themen, die in der Gesellschaft kontrovers diskutiert werden, müssen auch im Unterricht entsprechend behandelt werden).
- Es wird ein Flugblatt erstellt und ein gut sichtbares Banner angefertigt.
- Unsere Arbeitsgruppe nennt sich "Karlsruher Initiative Schulfrei für die Bundeswehr".
Aktionen an der Heinrich-Hübsch-Schule
Am Donnerstag, den 16.9., und Freitag, den 17.9., wurden zwischen 7:20 und 7:45 Uhr erstmals Flugblätter verteilt. Am ersten Tag kam der Schulleiter und verwies uns mit dem Banner, da wir auf dem Schulgelände stünden. Wir stellten uns deshalb weiter vorne an die Straße. Nun beachteten uns die Autofahrer, die an einer Ampelkreuzung halten mussten. Ebenfalls wurden wir von der Straßenbahnhaltestelle gesehen. Besonders am ersten Tag war die Abnahme von Flugblättern durch Schüler groß.
In der Woche, als die Bundeswehr anwesend war (27.9. - 1.10.) verteilten wir an vier Tagen die Flugblätter.
Am 27.9. drohte der Schulleiter mit der Polizei, wenn wir auf dem Schulgelände Flugblätter verteilen würden.
Am 28.9. machte die Deutsche Welle ein Interview mit einem Flugblattverteiler.
Am selben Tag rief der Chef der BNN-Lokalredaktion (Badische Neueste Nachrichten) bei uns an. Er hatte vorher mit dem Schulleiter gesprochen, der sei total genervt von dem Medienrummel, er hätte schließlich viele andere Aufgaben und nun muss er sich so intensiv mit der Bundeswehr und Friedensbewegung befassen. Es passe ihm auch nicht, dass die Heinrich-Hübsch-Schule nun so in den Medien erscheine.
Mit Datum vom 28.9. wurde der Schulleiter vom DGB-Vorsitzenden der Region Nordbaden brieflich aufgefordert, nun auch einen Vertreter der Friedensbewegung einzuladen.
Am Tag danach war ein ausführlicher und objektiver Bericht in den BNN (Stadt- und Landausgabe).
Die Nachrichtenagentur KA-news hatte mehrere Tage ebenfalls einen Artikel über den Bundeswehr-Besuch und unsere Aktionen auf ihrer Homepage.
Fazit der abschließenden Auswertung unserer Aktion
Das breite Bündnis, das die Aktion gestaltete und in dem sich jede/r nach ihren/seinen Fähigkeiten einbringen konnte, war sehr günstig. Als sehr wichtig erwies sich der Kontakt zu Lehrern der Schule. Dadurch wurde eine Diskussion innerhalb der Heinrich-Hübsch-Schule angestoßen. In Zukunft wird es dort diesen Ablauf nicht mehr geben, dass der Rektor einen Termin mit der Bundeswehr festmacht, ohne die Lehrerschaft darüber zu informieren. Die Gemeinschaftskundelehrer sollen eingebunden werden, wenn Jugendoffiziere kommen, um den Unterricht zu begleiten. Die Lehrer/innen können auch Mitarbeiter der Friedensbewegung einladen.
Durch das Medienecho wurde die Aktion auch außerhalb der Heinrich-Hübsch-Schule bekannt.
An sechs Tagen wurden jeweils von 7:20 bis 7:45 Uhr von 6 bis 11 Aktiven insgesamt ca. 600 Flugblätter verteilt. Das gut gestaltete, auffällige Banner war ein wichtiger Blickpunkt. Durch die Präsenz der Friedensbewegung wurde gezeigt, dass es nicht hingenommen wird, wenn die Bundeswehr sich still und heimlich in den Schulen breit macht.
Nach Aussagen von Lehrer/innen nahmen die Schüler den Jugendoffizier als einen smarten, charmanten jungen Mann in schicker Uniform wahr, der von sich und seiner Karriere erzählte, der schilderte, wie der Ablauf bei der Bundeswehr ist, was man alles werden kann und wie viel man verdient. Von Sicherheitspolitik war nicht die Rede. Anschließend konnten Fragen gestellt werden. Die SchülerInnen waren kritisch bis uninteressiert. Die SchülerInnen der Schreinerklasse (Abiturienten) waren sauer, dass ihnen Fachkundeunterricht verloren gegangen ist.
In zumindest einer Klasse wurde vor dem Jugendoffiziers-Auftritt das von uns verteilte Flugblatt besprochen.
Die Aktion war sinnvoll und hat außerdem Spaß gemacht!
Weiterarbeit
- Es sollen alle Schulleitungen in Karlsruhe angeschrieben werden, damit sie wissen, dass die Friedensbewegung Notiz davon nimmt, wenn die Bundeswehr präsent ist.
- Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wird gebeten, die Vertrauensleute der Karlsruher Schulen anzuschreiben und sie bitten, darauf hinzuwirken, dass bei Auftritten der Bundeswehr die Gegenposition auch zu Wort kommt, bzw. dass die Bundeswehr gar nicht erst eingeladen wird.
- An der Heinrich-Hübsch-Schule wollen Lehrkräfte ein Konzept entwerfen, wie bei künftigen Bundeswehr-Auftritten zu verfahren ist und dies dann in der Gesamtlehrerkonferenz vorstellen.
- Im November 2010 wird es im Rahmen der Friedensdekade eine öffentliche Veranstaltung zum Thema "Kooperation Bundeswehr und Schule" geben.
Sprecherin der DFG-VK Gruppe Karlsruhe und
Mitarbeiterin im Friedensbündnis Karlsruhe